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Bromantan: Ein ungewöhnlicher Dopaminbooster?

Bromantan wird als leistungssteigerndes „Adaptogen“ gehandelt. Die pharmakologische Idee ist interessant – die belastbaren Daten sind aber sehr begrenzt.

Inhalt anzeigen
  1. Herkunft und Einordnung
  2. Was über den Mechanismus bekannt ist
  3. Die Humanstudien
  4. Sicherheit und Regulierung
  5. Einordnung
  6. Quellen
Auf einen Blick
  • Bromantan (Handelsname Ladasten) ist ein synthetischer Wirkstoff aus der russischen Actoprotector-Forschung, kein zugelassenes Arzneimittel in Deutschland.
  • Tier- und Laborarbeiten sprechen für Effekte auf dopaminerge Signalwege.
  • Es gibt eine kleine randomisierte Studie und eine größere offene Studie bei Menschen mit Asthenie. Unabhängige Replikationen und Langzeitdaten fehlen.
  • Für Leistungssport ist Bromantan im Wettkampf nach der WADA-Verbotsliste 2026 verboten.
Hinweis zur Einordnung

Dieser Beitrag dient ausschließlich der Aufklärung und gibt meine persönliche Einschätzung sowie mein Verständnis der öffentlich zugänglichen Datenlage wieder. Trotz sorgfältiger Recherche können Fehler oder Unvollständigkeiten enthalten sein. Er ist keine medizinische oder rechtliche Beratung und keine Empfehlung, Bromantan zu erwerben, zu konsumieren oder anzuwenden. Ich habe kein finanzielles Interesse daran, Bromantan positiv darzustellen. Bei gesundheitlichen Fragen wende dich an qualifiziertes medizinisches Fachpersonal.

Herkunft

Entwickelt wurde Bromantan in der Sowjetunion, ursprünglich zur Stressresistenz von Soldaten.1 Bekannt wurde es im Westen 1996, als mehrere, hauptsächlich russische Athleten bei den Olympischen Spielen in Atlanta positiv getestet und später wieder zugelassen wurden, weil die Einordnung Bromantans als verbotenes Stimulans damals wissenschaftlich und regulatorisch nicht hinreichend geklärt war. Auf der WADA-Verbotsliste steht Bromantan bis heute als Stimulans der Kategorie S6.2 Drei Jahrzehnte später ist die Substanz ehrlich gesagt aber pharmakologisch kaum besser verstanden als damals und nach wie vor in Deutschland nicht medizinisch zugelassen, sondern nur über den Graumarkt zu Forschungszwecken verfügbar.

Pharmakologisch ist Bromantan ein Actoprotector, also eine Substanz, die körperliche und mentale Leistungsfähigkeit unter Belastung erhöhen soll, ohne den Sauerstoffverbrauch stark zu steigern. Umgangssprachlich wird es allerdings oft auch als Adaptogen bezeichnet, wobei es im Unterschied zu z. B. Ashwagandha oder Panax Ginseng kein pflanzliches, sondern ein synthetisches Adaptogen ist.1

Der Mechanismus

Der Mechanismus unterscheidet sich deutlich von klassischen Stimulanzien. Bromantan erhöht in Tierstudien die Expression und Proteinmenge der Tyrosinhydroxylase, also des Enzyms, das den ersten und geschwindigkeitsbestimmenden Schritt der Dopamin- und Noradrenalinsynthese katalysiert.3 Eine direkte Bindung an Dopamin- oder Noradrenalinrezeptoren ist dafür nicht nötig, entsprechende Daten fehlen bislang auch. Vereinfacht gesagt scheint Bromantan primär die Dopaminsynthese hochzuregulieren, statt hauptsächlich Freisetzung oder Wiederaufnahme zu beeinflussen, wie es bei klassischen Stimulanzien der Fall ist.4

Auch die gelegentlich kursierende Einordnung als HDAC-Inhibitor ist irreführend. HDACs sind Enzyme, die über die Verpackung der DNA an der Regulation der Genexpression beteiligt sind. Zwar sinkt die HDAC1-Proteinmenge im Rattenhirn nach Bromantan-Gabe, daraus folgt aber nicht automatisch eine direkte enzymatische HDAC-Hemmung.5 Proteinmenge und Enzymaktivität sind eben zwei verschiedene Dinge.

Was sagen die Daten

Die am häufigsten zitierte Zahl zu Bromantan stammt aus einer multizentrischen Studie mit 728 Patienten: 90,8 % Ansprechrate nach CGI-I (Clinical Global Impression, Improvement, ein grober klinischer Gesamteindruck), Nebenwirkungen bei rund 3 %, Wirkeintritt binnen 3 Tagen, Effekt teilweise noch einen Monat nach Kursende nachweisbar.7

Es handelt sich dabei um eine offene Studie ohne Placebogruppe.7 Bei einer Zielgruppe, die primär unter Asthenie litt, also unter krankhafter Erschöpfung, können Verbesserungen in einem solchen Design auch durch Regression zur Mitte und Erwartungseffekte beeinflusst werden. Die 90,8 % lassen sich deshalb nicht unmittelbar als tatsächliche Wirkstärke von Bromantan interpretieren. Das heißt nicht, dass Bromantan hier nicht wirksam war, aber die Studie allein ist kein belastbarer Wirksamkeitsnachweis. Ganz ohne kontrollierte Humandaten ist die Substanz allerdings nicht: Eine kleinere randomisierte, placebokontrollierte Studie von 2009 berichtete ebenfalls Verbesserungen unter Ladasten, dem Namen des in Russland zugelassenen Medikaments, wobei auch diese Daten aus Russland stammen und bislang kaum unabhängig repliziert wurden.6

Interessanter finde ich einen anderen Punkt, der praktisch nirgends korrigiert wird: die Behauptung, Bromantan wirke an GABA-Rezeptoren. Ich bin dieser Quellenkette einmal nachgegangen. Am Anfang steht eine Genexpressionsanalyse, ein sogenanntes Macroarray, das misst, welche Gene im Rattenhirn nach Substanzgabe hoch- oder runterreguliert werden.5 Ein russisches Herstellerlabel übernahm daraus eine verkürzte Formulierung, ein Review von 2012 übersetzte diese ungenau ins Englische, eine US-amerikanische forensische Monografie von 2024 übernahm die Formulierung wiederum, und von dort verbreitete sie sich offenbar auf zahlreiche Shopseiten. Tatsächlich zeigen die zugrunde liegenden Daten etwas anderes: eine reduzierte Expression des Gens für den GABA-Transporter GAT3, also eines Proteins, das an der Wiederaufnahme von GABA beteiligt ist, nicht aber eine Bindung von Bromantan an GABA-Rezeptoren selbst.5 Der Unterschied ist relevant, weil eine direkte Rezeptorbindung eine völlig andere Wirkmechanik nahelegen würde als eine veränderte Transporterexpression. Einen direkten Binding-Assay, der Bromantan als Liganden an GABA-A- oder GABA-B-Rezeptoren belegt, konnte ich in der zugänglichen Fachliteratur bislang nicht finden.

Dosierung und rechtliche Lage

Fangen wir mit den pharmakokinetischen Basisdaten an, denn die sind wenigstens halbwegs konkret. Laut russischer Zulassungsinformation liegt die orale Bioverfügbarkeit bei 42 %, die Halbwertszeit bei 11,21 Stunden.1 Das ist die einzige mir bekannte publizierte Bioverfügbarkeitsangabe. Niedrigere Werte, die gelegentlich für eine sublinguale Einnahme kursieren, also unter der Zunge, am Verdauungstrakt vorbei, lassen sich in keiner zugänglichen Quelle finden. Die lange Halbwertszeit erklärt vermutlich, warum in der Zulassungsinformation eine einmalige morgendliche Einnahme vorgesehen ist, nicht mehrere Dosen über den Tag verteilt.

Bei Ratten führte chronische Gabe extrem hoher Dosen, 150 bis 600 mg/kg, also weit oberhalb der klinisch untersuchten Dosen von 50 bis 100 mg pro Tag, zu reversiblen Veränderungen des Blutbilds sowie an Leber und Milz. Bei niedrigeren 30 mg/kg stiegen Hämoglobin und Leukozytenzahl dagegen sogar leicht an.8 Diese Zahlen stammen aus einer einzelnen russischen Studie von 1999, an Ratten, mit den entsprechenden Einschränkungen für die Übertragbarkeit.

Zur Interaktion mit anderen Wirkstoffen gibt es einen Tierversuch: Bromantan verkürzte die Schlafzeit nach Gabe des Narkosemittels Thiopental um etwa ein Drittel, was in der älteren Literatur als Hinweis auf eine verstärkte Cytochrom-P450-Aktivität interpretiert wurde, also auf Veränderungen jener Leberenzyme, die für den Abbau vieler Medikamente zuständig sind.1 Welche der zahlreichen CYP-Isoformen konkret betroffen sind, ist nach aktuellem Kenntnisstand nicht bekannt.

Rechtlich ist Bromantan in Deutschland nicht zugelassen. Es fällt nicht unter das Betäubungsmittelgesetz, allerdings ist eine einfache Onlinebestellung eines in Deutschland nicht zugelassenen Fertigarzneimittels aus dem Ausland arzneimittelrechtlich grundsätzlich nicht zulässig; das Arzneimittelgesetz sieht nur bestimmte Ausnahmen vor.9 Bei einer Bestellung aus einem Shop im Ausland besteht also ein rechtliches Risiko, zusätzlich natürlich zu den Risiken bei Qualitätskontrolle, Reinheit und Wirkstoffgehalt. Die in Russland verkaufte Originalform mit dem Handelsnamen Ladasten besteht aus Tabletten mit definierter Wirkstoffmenge.

Fazit

Alles in allem ist die Evidenzlage dünn und geografisch extrem einseitig. Nahezu alle publizierten Humandaten stammen aus Russland, und unabhängige Replikationen durch Forschungsgruppen außerhalb Russlands fehlen weitgehend.6 Die zentralen klinischen Studien untersuchten eine Behandlung über 28 Tage; belastbare Daten zum längerfristigen Gebrauch, zu Toleranz oder Abhängigkeitspotenzial fehlen entsprechend. Dass Nutzer nach 4 Wochen kein Craving zeigen, sagt nichts darüber, was nach 4 Monaten passiert.

Gleichzeitig ist Bromantan meiner Meinung nach aufgrund seiner ungewöhnlichen Wirkweise extrem interessant, und ich würde mir westliche Forschung dazu wünschen. Warum Bromantan nie den regulatorischen Weg in Richtung EU-Zulassung gegangen ist, lässt sich aus der zugänglichen Literatur nicht beantworten.

Quellen

  1. Oliynyk S, Oh S (2012): The pharmacology of actoprotectors: practical application for improvement of mental and physical performance. Biomolecules & Therapeutics 20(5), 446–456. DOI: 10.4062/biomolther.2012.20.5.446. PubMed. ↩ zurück zum Text
  2. World Anti-Doping Agency (2026): World Anti-Doping Code – International Standard: Prohibited List, S6.A. PDF. ↩ zurück zum Text
  3. Mikhaylova M, Vakhitova JV, Yamidanov RS, et al. (2007): The effects of ladasten on dopaminergic neurotransmission and hippocampal synaptic plasticity in rats. Neuropharmacology 53(5), 601–608. DOI: 10.1016/j.neuropharm.2007.07.001. PubMed. ↩ zurück zum Text
  4. Morozov IS, Pukhova GS, Avdulov NA, et al. (1999): The mechanisms of the neurotropic action of bromantan. Eksperimental'naia i klinicheskaia farmakologiia 62(1), 11–14. PubMed. ↩ zurück zum Text
  5. Vakhitova YV, Yamidanov RS, Vakhitov VA, Seredenin SB (2005): DNA macroarray analysis of gene expression changes in rat brain after single administration of 2-aminoadamantane compound. Molecular Biology (Moscow) 39(2), 276–285. PubMed. ↩ zurück zum Text
  6. Neznamov GG, Siuniakov SA, Teleshova SE, et al. (2009): Ladasten in the treatment of neurasthenia: comparative placebo-controlled clinical study. Zhurnal nevrologii i psikhiatrii imeni S. S. Korsakova 109(5), 20–26. PubMed. ↩ zurück zum Text
  7. Voznesenskaia TG, Fokina NM, Iakhno NN (2010): Ladasten in asthenic disorders: a multicentre clinical study. Zhurnal nevrologii i psikhiatrii imeni S. S. Korsakova. PMID: 21322821. PubMed. ↩ zurück zum Text
  8. Bugaeva LI, Spasov AA, Morozov IS (1999): Studie zu hämatologischen und Organveränderungen nach chronischer Bromantan-Gabe bei Ratten. PMID: 10513335. ↩ zurück zum Text
  9. Arzneimittelgesetz, § 73 Verbringungsverbot. Gesetze im Internet. ↩ zurück zum Text